Praxis
01_2007
Schleswig-holsteinische Sparkassen bündeln ihre IT-Infrastruktur
Mit einer gemeinsamen Standardisierungsoffensive wollen 14 schleswig-holsteinische Sparkassen die Kosten ihrer IT-Infrastruktur senken. Künftig greifen alle teilnehmenden Sparkassen auf eine gemeinsame Plattform, die Zentrale Produktions Plattform (ZPP) der FinanzIT, zu. Dabei will man sich im Bereich der individuellen Anwendungen auf wenige „Standardanwendungen“ für alle Sparkassen einigen. Das Pilotprojekt startet im März.
Kräftebündelung, gemeinsame Standards – oft genug sind das nur Schlagwörter auf Konferenzen. Die schleswig-holsteinischen Sparkassen jedoch setzen den Gedanken jetzt auf dem Gebiet der IT in die Tat um und haben die FinanzIT mit der Übernahme des Betriebs der institutseigenen Infrastruktur – Server, Clients und Netze – innerhalb der nächsten 36 Monate beauftragt. Rund 8.000 Arbeitsplätze wird das gemeinsame Netz der Sparkassen ab 2010 umfassen.
Entstanden ist die Idee für die gemeinsame IT-Infrastruktur in der G6-Runde der großen Sparkassen Schleswig-Holsteins, dem Verband SGVSH und der FinanzIT. Hier wurde bereits in der Vergangenheit viel über die Standardisierung und Bündelung in der IT diskutiert. So wurden unter anderem IT-Bündelungen zu einzelnen IT-Themen wie etwa dem Einkauf von SB-Komponenten oder SB-Wartung verabredet. Im Sommer 2006 hat die G6-Runde die Standardisierungsoffensive ZPP beschlossen. Die FinanzIT hat dazu das Konzept erarbeitet und den schleswig-holsteinischen Sparkassen vorgestellt. Mit einem Letter of Intent (LOI) haben alle bis auf drei Häuser im Herbst vergangenen Jahres ihre Teilnahme zugesagt. „Es geht darum, vor dem Hintergrund der immer größer werdenden rechtlichen Anforderungen an den IT-Betrieb der Sparkassen die IT-Resourcen zu optimieren“, erklärt André Wolters, Leiter Organisation in der Sparkasse zu Lübeck AG: „Die Kernfrage dabei ist: Wo können wirtschaftlich sinnvolle Standards gesetzt werden, und wo können wir durch Bündelung Kosteneinsparungen erzielen?“
Kostenvorteile durch Bündelung
Die Standardisierungsoffensive bringt für die Institute in mehrfacher Hinsicht Optimierungen. Durch die Auslagerung des IT-Betriebs auf die Zentrale Produktions Plattform (ZPP) der FinanzIT erreichen die Sparkassen geringere Betriebsfolgekosten. Diese sind grundsätzlich auch bei der Auslagerung der IT nur eines Instituts erreichbar, durch die größeren Stückzahlen treten jedoch zusätzlich Skaleneffekte ein, da Planungs- und Dienstleistungen der FinanzIT gemeinsam genutzt werden.
Durch die gemeinsame zentrale Plattform wird der Aufwand, die IT-Landschaft an die sich ständig wachsenden Anforderungen an einen gesicherten IT-Betrieb anzupassen, für die einzelnen Institute verringert – es muss nur noch die gemeinsame Plattform angepasst werden. So werden die KWG- und Basel-II-Konformität durch eine jährliche Revision sichergestellt. Das Gleiche gilt auch für die Entwicklung und den Test von Notfallkonzepten, die immer komplexer werden.
Außerdem versprechen sich die schleswigholsteinischen Sparkassen weitere Kosteneinsparungen durch den gemeinsamen Einkauf von IT-Lizenzen, Anwendungen und Entwicklungsaufträgen – nicht nur bei der FinanzIT, sondern auch durch eine stärkere Nachfragemacht bei Drittanbietern.
„Die Kernfrage dabei ist: Wo können wirtschaftlich sinnvolle Standards gesetzt werden und wo können wir durch Bündelung Kosteneinsparungen erzielen?“
ANDRÉ WOLTERS
Die Auslagerung auf die ZPP schafft zudem die technischen Voraussetzungen für eine Auslagerung von einzelnen Aufgaben an externe Dienstleister, wie etwa der Marktnachfolge im Kreditgeschäft an die Norddeutsche Retailservice Gesellschaft. „Durch die Auslagerung des IT-Betriebs auf die ZPP werden in den Sparkassen Kapazitäten zum notwendigen Wandel vom IT-Betrieb zum IT-Controlling frei“, so Wolters.
Die IT/Orga kann sich künftig mehr Steuerungsprozessen und dem Projektgeschäft widmen.
Anwenderboard setzt Standards
Zusätzliche Kosteneinsparungen sollen in einem zweiten Schritt nach der Inbetriebnahme der ZPP durch eine Optimierung der verschiedenen Anwendungen entstehen. Zurzeit sind in den verschiedenen Instituten unterschiedliche Anwendungen, welche teilweise dem gleichen Zweck dienen, im Einsatz. Diese Vielfalt der Anwendungen soll Schritt für Schritt abgebaut und durch einheitliche Standardanwendungen, die alle Sparkassen gemeinsam nutzen, abgelöst werden.
Dazu ist vorgesehen, ein sogenanntes Anwenderboard zu konstituieren. Dieses Gremium, in dem Sparkassen und Verband vertreten sind, legt in seinen regelmäßigen Sitzungen künftig fest, welche derzeit individuellen Anwendungen der schleswig-holsteinischen Sparkassen auf der ZPP-Plattform bereitgestellt werden.
Auf der ZPP in Hannover werden dann später die Standardanwendungen der FinanzIT und die ausgewählten Anwendungen dritter Hersteller, die möglichst alle Sparkassen gemeinsam nutzen sollen, produziert. Einzellösungen, wie sie bislang üblich sind, sind zwar im Prinzip auch auf der ZPP weiterhin möglich, sollen aber wegen der sich daran anschließenden hohen Betriebsfolgekosten möglichst komplett wegfallen oder sich zumindest gegenüber dem heutigen Stand deutlich verringern.
Ab dem zweiten Quartal 2007 will das Anwenderboard mit der Konsolidierung der individuellen Anwendungen der Sparkassen beginnen, bis Ende des Jahres soll das Konzept stehen, damit ein Fahrplan für die Umstellung aufgestellt werden kann. „Das sollte kein Problem sein, denn im Prinzip haben alle Sparkassen ähnliche Anforderungen“, meint Wolters. Die Umstellung der anderen Sparkassen auf die ZPP wird dann Schritt für Schritt in den kommenden drei Jahren geschehen.
Wirtschaftlichkeitsstudien vorab
Vor der Entscheidung für die zentrale IT-Infrastruktur hat die FinanzIT in Zusammenarbeit mit den Instituten für jedes Haus Wirtschaftlichkeitsstudien durchgeführt. Dabei konnten die wirtschaftlichen Vorteile in institutsindividuellen Business Cases nachgewiesen werden. Für die Sparkasse zu Lübeck AG ergab sich beispielsweise ein Kostenvorteil von elf Prozent gegenüber dem Aufbau und Betrieb einer eigenen Citrix-Farm.
Bei den anderen Häusern liegen die Einspareffekte gegenüber den bisherigen Betriebsvarianten zwischen vier und zehn Prozent. Die Sparkasse zu Lübeck ist eine der Pilotsparkassen für das Standardisierungsprojekt in Schleswig-Holstein. In Lübeck wird das Migrationsverfahren auf die ZPP getestet, während die Plattform selbst von den Sparkassen St. Wendel und Lüneburg pilotiert wird. Das Migrationsprojekt startet im März. Zunächst wird anhand von Aufgabenkatalogen und Checklisten die eigentliche Migration vorbereitet. Der sogenannte Cut-Over für Daten und Anwendungen ist für Juni dieses Jahres geplant. Aufgabe der Pilotsparkassen ist es, Defizite im Umstellungsprozess herauszuarbeiten, um anderen Instituten im kommenden Jahr die Umstellung zu erleichtern.
„Die Anforderungen an einen sicheren IT-Betrieb lassen den IT-Betrieb immer teurer werden, dem müssen wir mit wirtschaftlich sinnvollen Standards entgegentreten.“
ANDRÉ WOLTERS
Die Vorbereitungen für die Auslagerung des IT-Betriebs auf die ZPP laufen in Lübeck bereits. So muss parallel die Lotus-Notes-Mailschablone, mit der das Institut arbeitet, auf die Version 6.0 umgestellt werden. Außerdem hat das Institut bereits begonnen, seine IT-Anwendungen zu überprüfen. „Wir untersuchen im Vorfeld, welche Anwendungen wir auf jeden Fall brauchen, welche sich mit anderen überschneiden und welche eventuell überflüssig sind“, erklärt Wolters:
„Das ist notwendig für die Vorbereitung auf die Standardisierung der Anwendungen. So kann Wildwuchs, der im Laufe der Jahre entstanden ist, schon vorab entfernt werden.“
Dass die Mitarbeiter den Umstellungsprozess mit tragen werden, daran zweifelt er nicht. „Die Anforderungen an einen sicheren IT-Betrieb lassen den IT-Betrieb immer teurer werden, dem müssen wir mit wirtschaftlich sinnvollen Standards entgegentreten“, so Wolters. Nur so können in diesem Bereich Kosten eingespart werden und die Sparkassen sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. //
- _Kontakt: andre.wolters(at)sparkasse-luebeck.de
Leiter Organisation
Steckbrief:
Sparkasse zu Lübeck AG - durchschnittliche Bilanzsumme (2006) 2,211 Mrd. EUR
- Konten 69.555
- Mitarbeiter 486
- Geschäftsstellen 23
- davon SB-Stellen 8
- Geldautomaten 45
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